Ein fliegender Traum

Hallo, mein Name ist Milena Grabe.
Von Beruf bin ich Künstlerin und ich benutze als Werkstoff sehr gerne Gegenstände, die andere Leute auf den Müll werfen würden. So hatte ich erst kürzlich die Gelegenheit, aus einem alten Fahrrad und teils angerosteten Küchengeräten eine Skulptur zu bilden.
Beim Abriss eines Hauses in der unmittelbaren Nachbarschaft ist es mir vor einigen Tagen gelungen, einen Teil der Jalousien zu ergattern. Bevor der Container weggebracht wurde.

Schon lange habe ich davon geträumt, etwas zu kreieren, was wie ein fliegender Vogel aussieht. Mit einer Jalousie ließe sich zumindest ansatzweise der Rumpf eines Vogels andeuten. Für die Beine werde ich Teile von Gardinenstangen verwenden und als Kopf nutze ich eine der drei Tütenlampen aus den 50ern. Diese habe ich noch von meiner Tante.
Die Herstellung der Flügel könnte etwas problematisch werden, aber ich denke, das kriege ich auch noch hin. Zum Beispiel fallen mir da die beiden Waschbretter ein, die ich kürzlich vom Flohmarkt mitgebracht habe. Ein paar angeleimte Pfauenfedern würden sich prima als Schwungfedern eignen.

Als letztes der Schwanz: aus der Kostümkiste meines weggezogenen Nachbarn – eines Schauspielers – krame ich einen beinahe antiken Fächer hervor, der irgendwie an die Zeit des Rokoko erinnert. Mit etwa dreißig Zentimetern Länge und nur halb aufgespannt wirkt der prima als Hecksteuer, sozusagen. Ich befestige ihn mit glänzendem Kupferdraht und biege ihn möglichst windschnittig zurecht.
So, nun habe ich mir endlich einen lange gehegten Wunsch erfüllt und einen künstlichen Vogel geschaffen, der zwar nicht fliegt, aber immerhin meine Phantasie beflügelt hat.

Ich wachte auf und freute ich mich noch beim Frühstück über meinen betriebsamen Traum.